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Golfstrom kaputt? Die Abschwächung der Nordatlantischen Zirkulation

Das Nordatlantische Strömungssystem ist eine der wichtigsten Klimamaschinen unseres Planeten. In der öffentlichen Diskussion tauchen immer wieder besorgniserregende Thesen über den Golfstrom auf – er stehe vor dem Kollaps, würde abreißen oder ganz versiegen. Was steckt hinter diesen Schlagzeilen? Und was bedeutet die beobachtete Abschwächung des Systems für das Klima in Europa, insbesondere in Deutschland?

Was ist die AMOC und warum ist sie so wichtig?

Der Begriff Golfstrom (North Atlantic Drift) beschreibt nur den warmen Oberflächenstrom, der unser Klima mildert. Der eigentliche Taktgeber des Systems ist die Atlantische Meridionale Umwälzbewegung (AMOC – Atlantic Meridional Overturning Circulation). Die AMOC ist ein riesiges „Ozean-Förderband“ und ein essenzieller Teil der globalen thermohalinen Zirkulation.

Das Prinzip ist einfach: Warmes, salzreiches Wasser strömt aus den Tropen über den Golfstrom nordostwärts. Im hohen Norden (besonders in der Labradorsee und der Grönlandsee) kühlt das Wasser ab, wird dichter und sinkt in die Tiefe (Konvektion). Dieses kalte, dichte Tiefenwasser strömt dann langsam nach Süden zurück. Dieses System transportiert enorme Mengen an Energie in den Nordatlantik und ist der Hauptgrund für das milde Klima in West- und Nordeuropa.

Die Faktenlage: Eine historische Abschwächung

Messungen, wie die des RAPID-Arrays bei 26,5°N 3, sowie paläoklimatische Rekonstruktionen (Proxy-Daten) zeigen einen klaren Trend: Die AMOC schwächt sich ab und befindet sich auf ihrem schwächsten Niveau seit mindestens 1.600 Jahren 4.

Die Hauptursachen für diese Verlangsamung sind direkt mit dem Klimawandel verbunden:

  • Süßwasser-Eintrag: Das Schmelzen des Grönländischen Eisschilds speist riesige Mengen an kaltem Süßwasser in die kritischen Absinkgebiete ein.
  • Ozean-Erwärmung: Die Erwärmung der oberen Wasserschichten verstärkt den Effekt der Schichtung.

Beide Faktoren hemmen die Konvektion und dämpfen so den Motor der AMOC. Der beobachtete „Cold Blob“ (eine ungewöhnliche Kältezone südlich von Grönland) wird als direkter Fingerabdruck dieser AMOC-Schwäche interpretiert 1.

Der Kipppunkt und das Risiko eines Kollapses

Die AMOC ist ein nichtlineares System mit einem potenziellen Kipppunkt (Tipping Point). Das bedeutet, dass ab einer bestimmten kritischen Schwelle das System abrupt in einen stark reduzierten oder versiegenden Zustand übergehen könnte.

Modellstudien bestätigen die Existenz dieses Kipppunktes und zeigen, dass das System durch den steigenden Süßwassereintrag „auf Kippkurs“ ist 5. Die Schätzungen für einen potenziellen Kollaps sind unsicher, aber das Risiko ist existent.

Konsequenzen für Deutschland: Von Kälte zu Extremwetter

Eine weitere Abschwächung oder ein Kollaps der AMOC hätte weitreichende Konsequenzen, die weit über eine simple Abkühlung in Europa hinausgehen und das regionale Wettergeschehen drastisch verändern:

1. Auswirkungen auf die Niederschlagsmuster in Europa

Die AMOC beeinflusst indirekt die Atmosphärenzirkulation und damit die Route des Jetstreams (arktische Frontalzone) 2.

  • Sommer-Dürren: Eine schwächere AMOC kann zu einem südlicheren Verlauf des Jetstreams führen. Infolgedessen werden Tiefdruckgebiete Mitteleuropa im Sommer seltener erreichen. Das Resultat sind häufigere und langanhaltendere Sommer-Dürreperioden und Hitzewellen.
  • Instabilere Winter: Die Verlagerung erhöht die Wahrscheinlichkeit für Blockierungsereignisse, was zu extremen Wettersituationen (anhaltende Kälte oder milde, regenreiche Phasen) führen kann.
  • Intensivere Niederschläge: Trotz Dürregefahr können die Niederschlagssysteme, die es nach Europa schaffen, durch die allgemein höhere atmosphärische Energie mehr Wasser mit sich führen, was die Gefahr von lokalen Starkregenereignissen erhöht.

2. Globale und regionale Folgen

  • Abkühlung in Europa: Der verringerte Wärmetransport würde zu kälteren Wintern führen.
  • Regionaler Meeresspiegelanstieg: Die Reduktion der Strömung kann zu einem zusätzlichen, regionalen Anstieg des Meeresspiegels entlang der Küsten Nordamerikas und Westeuropas führen.
  • Verschiebung der Monsune: Der tropische Niederschlagsgürtel könnte sich nach Süden verschieben, was die Dürregefahr in der Sahelzone und in Teilen Amazoniens drastisch erhöhen würde 2.

Fazit

Die AMOC ist ein hochsensibler Indikator für die Erwärmung des Planeten und das Abschmelzen des Eisschildes in Grönland. Sie ist (noch) nicht versandet, aber ihr Zustand ist kritisch. Für Europa und Deutschland bedeutet eine weitere Abschwächung ein erhöhtes Risiko für Wetterextreme, das die Klimawandelfolgen regional noch verstärken kann. Die rasche Reduktion von Treibhausgasemissionen ist nach Einschätzung des Weltklimarats IPCC die wichtigste Maßnahme, um das Risiko eines AMOC-Zusammenbruchs zu verringern 6*.

 

*Der IPCC schreibt, dass es „sehr wahrscheinlich“ (90-100%) ist, dass die AMOC im 21. Jahrhundert schwächer wird, auch mit starkem Klimaschutz. Bei Einhaltung des 1,5°C-Ziels würde die AMOC im Median um etwa 20% abnehmen.

 

Bildnachweis:
Oberflächentemperatur im Nordatlantik am 18.11.2025, erstellt von https://earth.nullschool.net.
Datenvisualisierung: Cameron Beccario (verfügbar unter der Open-Source-Lizenz License/Terms der Website)

1. Caesar, L. et al. (2018). Observed fingerprint of a weakening Atlantic Ocean overturning circulation. Nature, 556(7700), 191–196.
2. Drijfhout, S. et al. (2015). The role of the Atlantic Meridional Overturning Circulation in the global climate. The Journal of Climate, 28(19), 7663–7674.
3. Moat, B. I. et al. (2024). Atlantic Meridional Overturning Circulation (AMOC) near 26∘N from the RAPID-MOCHA-WBTS array, 2004–2022. British Oceanographic Data Centre (BODC).
4. Thornalley, D. J. R. et al. (2018). Subpolar North Atlantic cooling was unusually abrupt and severe at the end of the Little Ice Age. Nature Geoscience, 11(11), 844–850.
5. Van Westen, R. M. et al. (2024). Physics-based early warning signal for collapse of the Atlantic Meridional Overturning Circulation. Science Advances, 10(6), eadk1189.
6. IPCC (2021): Sechster Sachstandsbericht – Spezialbericht über den Ozean und die Kryosphäre.
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