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Der Nordseestrand von Rendsburg

Rendsburg, 58 Kilometer von der Nordseeküste entfernt, auf gemütlichen 9 Metern über dem Meeresspiegel gelegen – klingt nach einem ziemlich sicheren Fleckchen Erde, oder? Doch wenn wir ehrlich sind und den wissenschaftlichen Prognosen zum Meeresspiegelanstieg folgen, könnte aus dieser Binnenstadt tatsächlich eine Küstenstadt werden. Der Titel dieses Artikels ist also gar nicht so abwegig, wie er zunächst klingen mag.

Trockene Fakten

Der globale Meeresspiegel ist seit Beginn der Industrialisierung bereits um etwa 20 Zentimeter gestiegen – und das Tempo nimmt zu. Lag die Anstiegsrate zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch bei 1,4 Millimetern pro Jahr, sind es heute bereits 3,7 Millimeter jährlich. Das klingt nach wenig? Dann schauen wir mal, was die Wissenschaft für die kommenden Jahrzehnte prognostiziert.

An den deutschen Küsten entspricht der Meeresspiegelanstieg weitgehend dem globalen Mittelwert. In den letzten 100 Jahren stieg der Pegel an Nord- und Ostsee um etwa 15 bis 20 Zentimeter. Die Prognosen für 2100 sind je nach Klimaszenario drastisch unterschiedlich: Im optimistischsten Fall – mit ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen und einer Erreichung der globalen Klimaneutralität bis 2055 – müssen wir mit einem Anstieg von 30 bis 60 Zentimetern rechnen. Im pessimistischsten „Business as usual“-Szenario werden es zwischen 60 und 110 Zentimeter sein, wobei einige Studien sogar bis zu 2 Meter für möglich halten.

Norddeutschland unter Wasser?

Für Norddeutschland sind diese Zahlen besonders brisant. Fast 25 Prozent der Landesfläche Schleswig-Holsteins liegt nur knapp über dem Meeresspiegel – das sind Gebiete, in denen über 350.000 Menschen leben und Sachwerte von etwa 49 Milliarden Euro vorhanden sind. Bei einem Meeresspiegelanstieg von 2 Metern würden weite Teile des Marschlandes an der Nordseeküste, die Ostfriesischen und Nordfriesischen Inseln, die Halligen sowie große Bereiche um Hamburg dauerhaft unterhalb des Meeresspiegels liegen.

Und Rendsburg? Die Stadt würde bei einem solchen Szenario tatsächlich in Küstennähe rücken – aus der Binnenstadt am Nord-Ostsee-Kanal würde eine Stadt werden, die direkt an das neue Nordsee-Ufer grenzt. Was heute noch wie eine absurde Fantasie klingt, ist wissenschaftlich betrachtet durchaus im Bereich des Möglichen.

Karte von Schleswig-Holstein mit Visualisierung des Meeresspiegelanstiegs an der Nordseeküste mit Rendsburg im Zentrum

Die roten Flächen zeigen die Überflutungsgebiete bei einem Meeresspiegelanstieg von zwei Metern (ohne Küstenschutz). Rendsburg findet man im oberen rechten Quadranten. Quelle: https://sealevelrise.hcu-hamburg.de/

Sturmfluten: Die unterschätzte Gefahr

Doch der schleichende Anstieg des mittleren Meeresspiegels ist nur die halbe Geschichte. Mindestens genauso bedrohlich sind die Auswirkungen auf Sturmfluten. Bereits heute sind Sturmfluten an der Nordsee höher und häufiger als noch vor einigen Jahrzehnten. Modellberechnungen zeigen: Bei einem mittleren Meeresspiegelanstieg von nur 50 Zentimetern würde sich die Häufigkeit extremer Wasserstände in der südlichen Nordsee bereits um das Zehnfache erhöhen.

Besonders betroffen sind die schleswig-holsteinische und die dänische Westküste, wo aufgrund der vorherrschenden Westwinde die Sturmfluten am höchsten auflaufen. Zu den berechneten höheren Sturmfluten muss dann noch der mittlere Meeresspiegelanstieg addiert werden – ein gefährlicher Cocktail für Küstenregionen.

Das Wattenmeer: Ein Ökosystem unter Druck

Auch das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer ist massiv bedroht. Normalerweise wächst das Watt durch Sedimentablagerungen mit dem Meeresspiegelanstieg mit – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Wissenschaftler sprechen von einem „Kipppunkt“ bei etwa 5 Millimetern Anstieg pro Jahr. Liegt der Anstieg darunter, ist das System stabil. Darüber hinaus kommt es zu Überschwemmungen und das Wattenmeer kann nicht mehr mithalten.

Die Halligen, diese einzigartigen Landflecken im Meer, wachsen ebenfalls durch Sedimenteintrag bei Überflutungen in die Höhe. Aber steigt der Meeresspiegel zu schnell, werden sie ohne gezielte Schutzmaßnahmen massiv bedroht sein. Ihre Existenz hängt buchstäblich am seidenen Faden – oder besser gesagt, an der Geschwindigkeit, mit der wir den Klimawandel bremsen können.

Glaziale Nachwirkungen: Die Erdkruste bewegt sich noch

Eine zusätzliche Komplikation in Norddeutschland: Die Erdkruste ist immer noch in Bewegung – als Spätfolge der letzten Eiszeit. Während Skandinavien sich langsam hebt, senkt sich der südliche Nordseebereich leicht ab. Diese sogenannte glazial-isostatische Ausgleichsbewegung verstärkt den relativen Meeresspiegelanstieg an der deutschen Nordseeküste zusätzlich.

Was können wir tun?

Technisch ist vieles möglich. Die deutschen Küsten haben seit der verheerenden Sturmflut von 1962 massive Investitionen in den Deichbau getätigt. Experten sagen: „Man kann jeden Deich erhöhen, wenn man den Platz hat.“ Hamburg plant bereits für Schutzhöhen bis 2100 und darüber hinaus.

Doch Deiche allein sind keine Dauerlösung. Bei einem Anstieg von mehreren Metern entstehen gigantische Kosten und massive Eingriffe in die Landschaft. Manche Küstenforscher plädieren daher für einen Paradigmenwechsel: Weg von der reinen Hochwasserabwehr, hin zum „Leben mit dem Wasser“. Das könnte bedeuten, dass wir in Zukunft akzeptieren müssen, dass bestimmte Gebiete regelmäßig überflutet werden – ähnlich wie in Venedig oder in Teilen von Amsterdam.

Die Verantwortung liegt bei uns

Ob Rendsburg tatsächlich einmal eine Nordseestrandpromenade haben wird, hängt im Wesentlichen von unseren Entscheidungen heute ab. Gelingt es uns, die Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren und die globale Erwärmung auf 1,5 bis 2 Grad zu begrenzen, bleiben die Veränderungen überschaubar – wenn auch immer noch erheblich. Machen wir weiter wie bisher, werden die Küsten Norddeutschlands in diesem Jahrhundert ein völlig neues Gesicht bekommen.

Die gute Nachricht: Wir können noch handeln. Jedes Zehntelgrad Erwärmung, das wir verhindern, macht einen Unterschied. Der Meeresspiegelanstieg ist kein unabwendbares Schicksal, sondern eine direkte Konsequenz unseres Umgangs mit fossilen Energien.

Der „Nordseestrand von Rendsburg“ sollte ein Weckruf sein, kein Reiseführer-Eintrag für das Jahr 2100. Denn während ein Strandurlaub in der Binnenstadt zunächst kurios klingen mag, wären die realen Konsequenzen für Millionen von Menschen, für Ökosysteme und für unsere Küstenkultur verheerend. Wir haben noch die Wahl – aber nicht mehr ewig Zeit.

Die in diesem Artikel genannten Daten basieren auf Berichten des Weltklimarats IPCC, des Umweltbundesamtes, des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und verschiedener Küstenforschungseinrichtungen (Stand 2021-2025).


Bildnachweis:
Titelfoto: Levent Piker, privat
Grafik Meeresspiegel: Hafen City Universität, https://sealevelrise.hcu-hamburg.de/

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