Cryo-Anwendungen für Haut, Immunsystem und Fettverbrennung
Wer nach dem Saunagang schon einmal in ein kaltes Tauchbecken gestiegen ist, kennt das belebende Gefühl des Kältereizes. Der niederländische Extremsportler Wim Hof („Iceman“) hat das Eisbaden – auch Kalte Thermogenese oder Kaltwasserimmersion genannt – wieder populär gemacht. Die Kälte stärkt nicht nur das Immunsystem, die Fitness und mentale Leistungsfähigkeit, sie wirkt auch positiv auf das Hautbild und regeneriert die Muskeln nach Höchstleistungen.
Inhaltsverzeichnis
Heiß und kalt
Die Anwendung natürlicher aber ungewöhnlicher Reize wie Hitze, Kälte, Rotlicht (→ Artikel “Rotlicht zur Hautverjüngung”), Salzwasser (→ Artikel “Solebäder”) oder Fasten (→ Artikel “Bitterstoffe für Leber und Haut”) setzt im Körper Signalwege in Gang, die vielfältige positive Effekte haben können. Man nennt diese Einflussnahme auf den Körper auch “Biohacking”.
Das Saunieren ist die bekannteste Form der Gesunderhaltung. In Finnland, dem Ursprungsland des Wortes “Sauna” (übersetzt “Schwitzstube”), ist das Saunieren ein elementarer Bestandteil der Kultur – fast jedes Haus besitzt eine Sauna. Das Schwitzbad mit heißem Dampf wurde jedoch bereits in der Steinzeit in Nord-Ostasien erfunden. Die amerikanischen Ureinwohner übten die Schwitzkultur in Schwitzhöhlen und Schwitzhütten aus. Auch die alten Germanen, Römer und Griechen kannten diese Form der Sauna bereits. Im Mittelalter wurden die “Badestuben” auch in europäischen Städten wie Wien, Paris und Berlin bekannt. Aufgrund der schlechten Hygiene und wegen religiöser Bedenken verschwand die Kultur wieder und wurde schließlich nur noch in Russland und Finnland weiter gepflegt.
Eisbaden
Es sind auch diese beiden Länder, in denen das “Eisbaden” oder “Winterschwimmen” als Tradition gepflegt wird. Erfunden wurde diese “Technik” jedoch von den Skythen, einem eurasischen Nomadenvolk, welches ca. 700 v. Chr. bis ca. 200 n. Chr. das bis dahin größte Reich der Welt errichtet hatte. Die Skythen tauchten ihre Kinder in eiskaltes Wasser, damit diese sich früh an die harschen klimatischen Verhältnisse gewöhnen.
Seit dem 18. Jahrhundert wurde kaltes Wasser immer systematischer von Medizinern für therapeutische Zwecke genutzt. Der Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 – 1897) verfolgte mit seinen “Kneippkuren” einen ganzheitlichen Ansatz, der neben der Heilkraft von Wasser auch die Wirkweisen von Heilkräutern einbezog. Sebastian Kneipp entwickelte verschiedene Wasseranwendungen wie Wassertreten, Gesichtsguss und Fußbäder, um das Immunsystem zu stärken und Krankheiten entgegenzuwirken. Durch den Wechsel von Hitze und Kälte – wie beim Eisbad nach der Sauna – wird der Lymphfluss stark angeregt (→ Artikel “Die Lymphe – ebenso wichtig wie das Blut”).
Auch im Team von Oceanwell gibt es unerschrockene Eisbaderinnen und Winterbader, die regelmäßig und bei Wind und Wetter in der nahe gelegenen Seebadeanstalt Holtenau in die Ostsee springen (→ Artikel “Veganuary”). Seit Januar 2026 gibt es die „Eisbademeisters“ – eine Spenden-Initiative für gute Zwecke – auch in Kiel.
Effekte von Kälte
In der Sportmedizin spricht man bei einer kältetherapeutischen Maßnahme von Kaltwasserimmersion (KWI, auch “Eiswasserimmersion”). Sie dient der Regeneration von Muskeln nach sportlichen Höchstleistungen von Leichtathleten, Schwimmern oder Fußballern, die in relativ kurzer Folge Wettkämpfe bzw. Spiele absolvieren müssen.
Dies sind die Effekte regelmäßiger Ganzkörper-Kältebehandlungen:
- Aktivierung und Vermehrung des braunen Fettgewebes
- Reduzierung von Entzündungen
- Stärkung des Immunsystems
- Ausgleich des Hormonspiegels
- Stärkung der physischen und mentalen Stresstoleranz
- Verbesserung der Schlafqualität
- Produktion von stimmungshebenden Endorphinen
- Ausgleich des vegetativen Nervensystems (Herzratenvariabilität)
- Verstärkung adaptiver epigenetischer Modifikationen
Aktuelle Studienlage
Die Vorteile von Kälteexposition auf den Körper konnte in zahlreichen wissenschaftlichen Studien bestätigt werden:
- Ein Wiener Forschungsteam konnte 2020 zeigten, dass Personen mit aktivem BAT nach Kälteexpositionen nicht nur mehr Energie verbrennen, sondern auch ein gesünderes serologisches Fettsäureprofil aufweisen. Im Blut von BAT-aktiven Menschen fanden sich höhere Mengen entzündungshemmender Fettsäuren, wohingegen die mit Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziierte Fettsäuren niedriger konzentriert waren.
Forschungen an der Universität von Cambridge zeigten, dass eine regelmäßig erfolgte Kälteeinwirkung die Freisetzung von Norepinephrin erhöht, welches entzündungshemmend wirkt und die Stressresilienz stärkt. - Eine Studie der Universität von Portsmouth fand heraus, dass unter Einwirkung von kaltem Wasser die Freisetzung von Endorphinen gefördert wird. Diese sog. “Glückshormone” können Symptome von Depressionen lindern und die allgemeine Stimmung heben.
- Die Universität Kopenhagen konnte 2023 zeigen, dass regelmäßiges Kältetraining die Aktivität von braunem Fett signifikant erhöht und damit nicht nur den Energieverbrauch steigert, sondern auch das Risiko für Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes reduziert. Die sog. Heat Shock Proteine (HSP) werden durch Stress, wie z. B. Hitze oder Kälte, aktiviert und schützen Zellen vor Schäden. Sie fördern die Zellregeneration und tragen dazu bei, den Alterungsprozess zu verlangsamen.
- Eine Pilotstudie aus dem Fachbereich Neuroplastizität der Universität Zürich von 2023 zeigte, dass Kältetraining in Kombination mit Achtsamkeitstraining das Wachstum neuer neuronaler Verbindungen fördern kann. Der Geist wird dadurch formbarer, offener für Veränderungen und widerstandsfähiger gegenüber Belastungen.
- Studien deuten darauf hin, dass sich durch wiederholte Kälteexposition die Aktivität des Parasympathikus erhöht, was mit einer besseren Erholung und Entspannung einhergeht. Der meist überregulierte Sympathikus wird ausgeglichen. Die Balancierung des vegetativen Nervensystems (VNS) zeigt sich in einer ausgeglichenen Herzratenvariabilität (HRV).
Kälteanwendungen für die Haut
Auch die Haut profitiert von Kältereizen mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. In der Dermatologie wird die Cryotherapie erfolgreich eingesetzt, um Hauterkrankungen zu behandeln und die Hautstruktur zu verbessern. Es konnte jedoch auch gezeigt werden, dass dies keine kurzfristigen Effekte sind. Die Wirkung tritt erst nach 10-12 regelmäßigen Anwendungen ein. Die Effekte auf die Haut sind:
- Verstärkung der Hautdurchblutung und Zellregeneration
Durch die Kälteeinwirkung ziehen sich die Blutgefäße zunächst zusammen (Vasokonstriktion), um den Blutfluss von den Extremitäten weg und hin zu den inneren Organen zu lenken, damit der Körper nicht auskühlt. Nach dem Ausbleiben der Kälte folgt eine Gefäßerweiterung und dadurch kommt es zur verstärkten Durchblutung (Vasodilatation). Das fördert die Versorgung der Haut mit Sauerstoff und Nährstoffen, was auch die Regeneration der Zellen anregt. Die Haut wirkt dadurch frischer, straffer und vitaler. - Reduktion von Entzündungen und Rötungen
Kälte wirkt entzündungshemmend, weshalb Kälteanwendungen oft bei Hautproblemen wie Akne, Rosazea oder gereizter Haut eingesetzt werden. Die Kälte lindert Schwellungen und beruhigt die Haut, was zu einem ebenmäßigeren Hautbild beiträgt. - Straffung und Festigung der Haut
Die Kälte regt die Produktion von Kollagen und Elastin an, zwei wichtige Proteine, die für die Elastizität und Festigkeit der Haut verantwortlich sind. Dadurch kann die Haut straffer und jugendlicher erscheinen, feine Linien und Fältchen werden gemildert. - Porenverfeinerung und Mattierung
Kälteanwendungen helfen, die Poren zu verkleinern, indem sie die Hautoberfläche straffen. Dies kann das Hautbild verfeinern und die Talgproduktion regulieren, was besonders bei fettiger oder Mischhaut vorteilhaft ist. - Unterstützung bei der Hautentgiftung
Die verbesserte Durchblutung und der angeregte Lymphfluss fördern den Abtransport von Stoffwechselabfällen und Toxinen aus der Haut. Das unterstützt die natürliche Entgiftung und kann zu einem rosigen Teint führen. - Schmerz- und Juckreizlinderung
Aufgrund der betäubenden Wirkung von Kälte können Cryo-Anwendungen bei Hautirritationen und juckenden Stellen eine Linderung verschaffen.
Die oben genannten Naturstoffe sorgen auch in der Haut für Autophagie-bezogene Effekte.
Hormesis und Autophagie verzögern die Alterung
Hormesis – ein uralter Überlebensmechanismus – ist eine adaptive Reaktion unserer Zellen auf moderaten, in der Regel zeitlich begrenzten Stress, wie z. B. wiederholte sportliche Aktivität, Hitze- oder Kälteschocks und Fasten. Nach dem Motto: “Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.”, führt kontrollierter Stress dazu, dass der Körper Widerstandskräfte aufbaut und die Zellen vor Schäden, die zu einem beschleunigten Alterungsprozess und einhergehenden Krankheiten führen, schützt.
Damit die Hormesis richtig in Gang kommt, muss die sog. Autophagie – unser zelleigenes Detox-Programm – aktiviert sein. Autophagie sorgt dafür, dass beschädigte Zellbestandteile aufgelöst und verstoffwechselt werden, um den Körper vor Entzündungen und dem Altern zu schützen. Der natürlichste Weg, die Autophagie anzukurbeln, ist das Fasten. Auch einige Naturstoffe aktivieren die Autophagie und wirken somit dem Alterungsprozess entgegen:
- Spermidin aus Weizenkeimen, Champignons und Kräuterseitlingen
- Resveratrol aus Trauben
- Curcumin aus Kurkuma
- Epigallocatechingallat (EGCG) aus grünem Tee
- Quercetin aus Äpfeln und Zwiebeln
- Fisetin aus Erdbeeren, Äpfeln, Zwiebeln und Gurken
- Ginsenoside aus Ginseng und Jiaogulan
Alle genannten natürlichen Pflanzenstoffe, die auch als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich sind, aktivieren den AMPK-Signalweg (Adenosinmonophosphat-aktivierte Proteinkinase) und hemmen den mTOR-Signalweg (mechanistic Target of Rapamycin) in den Zellen.
Wie Resveratrol und EGCG werden die Pflanzenstoffe Capsaicin aus Chilischoten, Gingerol aus Ingwer und Menthol aus Minze als “Kältemimetika” bezeichnet, da sie im Körper Kältereiz-ähnliche Effekte hervorrufen.
Die kalte “Fettverbrennung”
Im Gegensatz zu dem weißen Fettgewebe, welches als Energiepolster für schlechte Zeiten angelegt wurde, ist das braune Fettgewebe (BAT) mit einer hohen Dichte an Mitochondrien („Zellkraftwerken“) ausgestattet, welche die Aufgabe haben, durch eine spezielle Art der Zellatmung Wärme anstatt Energie (ATP) zu produzieren. Als Baby besitzen wir hauptsächlich am Rücken – zwischen den Schulterblättern, entlang der Wirbelsäule und im Bereich der Nieren – großflächig verteiltes braunes Fettgewebe, da Neugeborene Wärme noch nicht durch Muskelzittern erzeugen können. Um auf dem Rücken liegend nicht auszukühlen, hat die Natur die “Wärmepolster” geschaffen, die sich mit dem Erwachsenwerden zurückbilden. Beim Erwachsenen bleiben nur kleine Stellen unter der Haut zurück. Diese bekommen jedoch einen Wachstumsschub, wenn der Kältereiz regelmäßig eintritt.
Jahr 2012 wurde das beige oder „brite“ (brown-in-white) Fett entdeckt. Es ist ein hybrides Fettgewebe mit Eigenschaften des weißen und braunen Typus. Der Botenstoff Irisin, welcher sowohl nach Kältereiz als auch nach starker sportlicher Aktivität aus Muskeln freigesetzt werden kann, scheint die Umwandlung von weißem in beiges Fettgewebe zu aktivieren. Studien konnten zeigen, dass die BAT-aktivierende Substanz Spermidin die Umwandlung von weißem Fettgewebe in beige Fettzellen („Beiging“) fördern kann. Das bedeutet, dass weiße Fettzellen, die normalerweise Energie speichern, durch Spermidin in energieverbrauchende beige Fettzellen umgewandelt werden können.
Die “Wärmepolster” beginnen nach regelmäßiger Kältereizung, Signale u. a. an das weiße Fettgewebe zu senden, welches dann die Fettsäuren aus den Depots ins Blut freigesetzt – quasi “eingeschmolzen” – wird. Diese Fettsäuren werden in den Mitochondrien des braunen Fettgewebes durch “Non-Shivering Thermogenesis” (nicht-zitternde Thermogenese, NST) zu Wärme “verbrannt”. Reguliert wird der Prozess der Wärmeproduktion durch das Protein Thermogenin (Inhibitory factor-1, IF1).
Cryo-Studios
Im Gegensatz zu den Solarstudios oder Solarien werden in Cryo-Studios verschiedene Anwendungen mit Kälte für Gesicht, Körperpartien oder den ganzen Körper durchgeführt.
- In der Eissauna oder Kältekammer wird der gesamte Körper für 3 bis 6 Minuten auf bis zu -110° C herunter gekühlt. Die trockene Kälte ist viel angenehmer, als man erwarten würde. Diese Methode wird gern von Hochleistungssportlern nach dem Sport genutzt, um die Muskelregeneration zu unterstützen.
- Die Gesichtscryotherapie („Cryofacial“) setzt kurze Kälteschocks mit -60 °C bis -150 °C, oft in Form eines “Eisstrahls” aus flüssigem Stickstoff, ein.
- Bei der Cryo-Massage mit Kältespray oder Kältestäben werden gezielt Hautpartien gestrafft und beruhigt. Diese Methode wird auch als “Cryo-Shaping” angeboten und soll Cellulite reduzieren.
Wer keinen Zugang zu kalten Gewässern, Garten-Regentonnen oder Tauchbädern hat, kann in den Cryo-Studios das Biohacking mit Kälte erleben.
Fazit: Die Anwendung von Kälte regt im Körper zahlreiche positive Effekte an, die sich auch positiv auf die Hautgesundheit auswirken. Kälte verbessert die Hautstruktur, wirkt Entzündungsprozessen entgegen, stärkt die Hautregeneration und verlangsamt den Alterungsprozess.
Literatur:
Dzidek et Piotrowska, “The Use of Cryotherapy in Cosmetology and the Influence of Cryogenic Temperatures on Selected Skin Parameters – A Review of the Literature”, Cosmetics 2022, 9(5), 100
Moore, “Lysosomes, Autophagy, and Hormesis in Cell Physiology, Pathology, and Age-Related Disease”, Dose Response. 2020 Jul 7;18(3):1559325820934227.
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Hachemi et U-Din, “Brown Adipose Tissue: Activation and Metabolism in Humans.”, Endocrinol Metab (Seoul). 2023 Apr;38(2):214-222.
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Castellani et al., “Cold exposure: Human immune responses and intracellular cytokine expression”, Med Sci Sports Exerc. 2002 Dec;34(12):2013-20.
Spinelli et al., “The ABA/Lancl1/2 hormone/receptor system controls adipocyte browning and energy expenditure.”, Int. J. Mol. Sci. 24 (4), 3489. 2023.
Artikel “Spermidin zur Vorbeugung von Demenz?”
Artikel “Wie Zellen Fett verbrennen und Wärme erzeugen”
Artikel “Wir brauchen mehr Fett – aber das richtige!“
Bildnachweise:
Titelbild: Michal Jarmoluk auf Pixabay.com
Winterbader: oceanBASIS GmbH
Mann, Frau, Kältekammer: Freepik.com (KI generiert)











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