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Gesellschaft, Wissen

Zum World Oceans Day: die Fragilität der Meere erklärt anhand der Dorsche in der Ostsee

Die Ozeane sind bedeutend für unsere Ernährung und Gesundheit, für das Klima und das Überleben auf unserem Planeten überhaupt. Auch wenn sie uns gewaltig groß erscheinen, sind sie doch ein fragiles System, das man nur mit Bedacht nutzen sollte. Um auf diese Fragilität und die Gefährdung der Weltmeere generell aufmerksam zu machen wurde der World Oceans Day am 8. Juni ins Leben gerufen. Wir von oceanBASIS beteiligen uns mit verschiedenen Aktionen daran. Hier möchte ich ein bisschen über die Herausforderungen und Probleme eines ganz bestimmten Meeres, nämlich der Ostsee, erzählen.

Dieser „kleine Ozean“ vor unserer Haustür gehört zu den weltweit am meisten vom Menschen beeinflussten Meeren. Schon seit Jahrtausenden wird die Ostsee besiedelt, befahren und befischt. Vor allem seit Beginn der industriellen Landwirtschaft in der Mitte des 20. Jahrhunderts gelangen außerdem von allen Seiten landwirtschaftliche Abwässer mit Dünger in die Ostsee. Aktuell kommt noch der Klimawandel dazu, der dafür sorgt, dass das Wasser immer wärmer und durch vermehrte Niederschläge auch immer süßer wird. Und alle diese Einflussfaktoren interagieren miteinander, so dass man kaum das eine vom anderen trennen kann.

Die Überfischung der Ostsee

Die Überfischung der Ostsee ist dabei vielleicht das prominenteste Problem und, besonders seitdem die Fangquoten für Dorsch und Hering 2022 drastisch gesenkt wurden, auch medial sehr präsent. So darf der Dorsch seit 2022 in der westlichen Ostsee nicht mehr gezielt befischt werden (nur noch als Beifang bei der Schollenfischerei) und es darf nur noch halb so viel Hering gefangen werden wie 2021(1). Da die meisten kleinen Küstenfischer hauptsächlich vom Dorsch- und Heringsfang leben, sorgte diese Regelung natürlich für Proteste auf Seiten der Fischer. Das mehr oder weniger totale Fangverbot für Dorsch war aber schon länger von wissenschaftlicher Seite gefordert worden um einen unumkehrbaren Kollaps des Dorschbestandes in der westlichen Ostsee zu verhindern(2). Mittlerweile geht man davon aus, dass der Bestand kollabiert ist und sich kurz- bis mittelfristig nicht erholen wird, deshalb kommt die Fangquotenregelung von Seiten der Politik leider zu spät(3). Doch wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen?

Fischerboot vor Rügen
Der Dorsch darf seit 2022 in der westlichen Ostsee nicht mehr gezielt befischt werden.
Es besteht die Gefahr, dass der Bestand sich kurz- bis mittelfristig nicht erholen wird.

Der Kollaps des Dorschbestandes – Produkt aus Fischerei, Überdüngung und Klimawandel

An dieser Stelle wirken wie oben bereits erwähnt mehrere Faktoren in einem komplizierten Geflecht zusammen. Als erstes natürlich die über Jahrzehnte andauernde starke Befischung des Dorsches, die unter anderem dazu geführt hat, dass die Fische nicht mehr die Größe erreichen wie früher. So waren die größten Dorsche bei Fangfahrten in den 1980er Jahren noch im Schnitt 70 cm lang, heute sind sie dagegen nur noch durchschnittlich 45 cm lang(4). Aber auch andere Faktoren haben zum Rückgang des Bestandes beigetragen: Der Dorsch laicht in tiefen Meeresbecken, an diesen tiefen Stellen fehlt es aber zunehmend an Sauerstoff, den die schlüpfenden Dorschlarven zum Atmen brauchen. Das liegt daran, dass aufgrund der Überdüngung heute viel mehr mikroskopisch kleine Algen im Wasser wachsen als früher (sogenannte Mikroalgen und Cyanobakterien). Diese sinken in die Tiefe und verrotten dort, was Sauerstoff verbraucht und damit den Sauerstoffgehalt des Wassers in der Tiefe, wo sich die Dorschlarven aufhalten, verringert. Deshalb ersticken viele Dorschlarven und haben somit keine Chance erwachsen zu werden(5).

Durch den Klimawandel wird der eben beschriebene Effekt noch verstärkt, denn der sorgt durch Wassererwärmung und zunehmende Niederschläge dafür, dass sich die sauerstoffreiche Oberflächenschicht und die sauerstoffarme Tiefenschicht in der Ostsee immer schlechter vermischen(6). Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass Dorschlarven direkt nach dem Schlüpfen ersticken, wird zunehmend größer. Kurz zusammengefasst könnte man sagen, dass die Fischerei die erwachsenen Dorsche gefährdet, während Überdüngung und Klimawandel die Dorschlarven gefährden. Man sieht also: ein sehr komplexes Problem, für das es keine einfache Lösung gibt, auch wenn ein Fangverbot ein guter erster Schritt ist.

Tatsächlich sind viele Probleme im Meer so vielschichtig und es braucht Engagement von politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Seite um diesen Problemen zu begegnen. Der World Oceans Day möchte genau darauf aufmerksam machen und deshalb sind wir sehr gerne mit dabei!

Quellen:

(1) https://www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2021/159-agrarrat-ostsee-fischerei-fangquoten.html

(2) https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.0906620106

(3) https://www.cen.uni-hamburg.de/en/about-cen/news/10-news-2021/2021-08-17-dorsch-kipppunkt.html

(4) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5574768/

(5) https://link.springer.com/article/10.1007/s13280-021-01572-4

(6) https://aslopubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/lno.11446

Bildnachweis:

Titel: Sam Lim ob Pexels
Fischerboot: falco on Pixabay
Dorsch: Ricardo Resende on Unsplash

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Rafael Meichßner

Rafael Meichßner war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags als Meeresbiologe für CRM (Coastal Research & Management) tätig.

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1. Juni 2022/1 Kommentar/von Rafael Meichßner
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https://www.oceanblog.de/wp-content/uploads/2022/05/pexels-sam-lim-1800px-e1653645360135.jpg 1125 1800 Rafael Meichßner https://www.oceanblog.de/wp-content/uploads/2023/11/oceanBLOG_Logo_web.svg Rafael Meichßner2022-06-01 08:00:042024-08-15 13:23:27Zum World Oceans Day: die Fragilität der Meere erklärt anhand der Dorsche in der Ostsee
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1 Kommentar
  1. Jannes
    Jannes sagte:
    14. August 2024 um 22:45

    Noch bin ich zwar kein Vegetarier, aber dieses Zusammenspiel aus Überdüngung und Fischerei zeigt, dass wir eigentlich alle Vegetarier werden sollten. Anders wird es nicht gehen.

    Antworten

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