Was haben die Meere mit Gemeinwohl-Ökonomie zu tun?
Auf dem diesjährigen Waterkant Festival in Kiel-Holtenau sprach Christian Felber, der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie e.V., auf der „Innovation Stage“ zu genau diesem Thema: Economy for the Common Good meets Blue Economy.
Wem gehört der Ozean?
Blue Economy – darunter versteht man häufig vor allem die wirtschaftliche Nutzung der Meere (Schifffahrt, Offshore-Wind, Aquakultur, Algenfarmen usw.).
Wenn man diese „blaue Wirtschaft“ nun also betrachtet, kommt man früher oder später zu der Frage:
Who owns the ocean?
Darum fasst die Gemeinwohl-Ökonomie es normativer zusammen: Eine maritime Wirtschaft ist nur dann „blau“, wenn sie sich innerhalb ökologischer Grenzen bewegt und den Ozean als Gemeingut behandelt.
Es mag wenige überraschen, dass der Mensch leider dazu neigt, an Land wie auch im Wasser bei wirtschaftlichen Belangen Natur und Meere als bloße Ressourcen oder Eigentum zu betrachten. Dieses Handeln bringt uns allmählich in Bedrängnis. Das spiegelt sich u. a. im sog. „Earth Overshot Day“ wider. Also dem Tag im Jahr, an dem die Menschheit mehr Ressourcen verbraucht hat, als die Erde in einem Jahr regenerieren kann. Diese Herausforderung gilt ebenso für die Meere.
Das historisch entstandene Prinzip der „Freiheit der Meere“ macht deutlich, welche Bedeutung Ozeane im Laufe der Zeit für Handel und strategische Interessen gewannen. Dabei handelt es sich um ein grundlegendes Konzept des internationalen Seerechts. Es zielt darauf ab, die Nutzung der Meere für alle Staaten gleichermaßen zu gewährleisten.
Formell existiert dieses Prinzip fort. Aber wie die meisten idealistischen Bestrebungen, unterliegt es Spannungen, wie geopolitischen Interessen, Rechtsstreitigkeiten und eben auch ökologischen Notwendigkeiten.
Die Frage nach Eigentum und Nutzung führt zwangsläufig zur Frage, nach welchen wirtschaftlichen Regeln wir überhaupt handeln. Aus diesem Blickwinkel landet man recht schnell beim Kapitalismus. Und damit häufig bei der Frage: Wie soll ein System, das auf stetigem Wachstum fußt, in Zeiten naturgegebener Grenzen, überdauern?
Wirtschaft innerhalb planetarer Grenzen
Unbestritten ist: Wenn wir diesen Planeten artgerecht bewohnen wollen, sind wir gezwungen die Grenzen eben dieses ernsthaft und verbindlich zu berücksichtigen – auch und vor allem im wirtschaftlichen Handeln; und das dringend in mess- und vergleichbarer Form. Planetare Grenzen als wirtschaftliche Leitplanke!
Anders als beim klassischen Denken in kapitalistischen Strukturen, kann man bei der Gemeinwohl-Ökonomie Aspekte wie planetare Belastungsgrenzen, verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen und Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen nicht ausklammern. Man wird „gezwungen“ diese einzubeziehen, denn sie sind Bestandteil der Bewertungsmasse.

Christian Felber, der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie e.V., auf dem Waterkant Festival in Kiel-Holtenau
Geld ist Mittel, nicht Zweck
Felber bzw. die Gemeinwohl-Ökonomie erkennen, dass Unternehmen nicht primär nach Gewinn, sondern nach ihrem Beitrag zu Menschenwürde, Solidarität, ökologischer Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Mitbestimmung bewertet werden müssen. Es geht nicht mehr um stetiges Wachstum. Es geht auch nicht mehr um eine Gewinnmaximierung. Geld verliert seinen Stellenwert als Ziel. Es wird wieder Mittel. Das, was es ursprünglich war und wofür es entwickelt wurde, nämlich für den Austausch von Gütern und um einem konkreten menschlichen Zweck zu dienen.
In vielen wirtschaftlichen Entscheidungen dominiert heute jedoch vor allem der finanzielle Erfolg. Es war und ist ein paradoxer Weg: Geld wurde immer abstrakter und schließlich zum universellen Wert, der alles messbar macht und letztlich heute als einziger Maßstab gilt, an dem sich alles orientiert.
Dabei ist das „Wohl der Allgemeinheit“ nach wie vor im Grundgesetz verankert. Und stand auch lange im Fokus wirtschaftlichen Handels. Im Laufe der Zeit rückte jedoch in der wirtschaftlichen Praxis, anstelle des Gemeinwohls, zunehmend der monetäre Verdienst eines Individuums in den Mittelpunkt.
Aber:
„Was ist uns denn wichtig? Was sind wichtige Werte, die wir erhalten wollen?“ fragte Felber bei seinem Vortrag die Zuhörenden auf dem Festival. Schnell fielen Begriffe wie Freiheit, Frieden, Vertrauen, Gesundheit …
Auf die darauffolgende Nachfrage, ob es irgendjemanden unter den Zuhörenden gäbe, der mit einem dieser Werte ein Problem hätte, folgte Schweigen.
Wie wollen wir zusammen leben?
Diese simple, aber sehr eindrucksvolle Darbietung zeigt, dass wir uns sehr schnell auf Prinzipien des Gemeinwohls einigen können – sogar widerstandsfrei!
Ist das nicht letztlich der Beweis, dass wir alle in dieselbe Richtung wollen? Und das sogar in spannungsgeladenen und polarisierenden Zeiten wie den heutigen?
Also: Who owns the ocean?
Vielleicht lautet die entscheidendere Frage nicht, wem der Ozean gehört, sondern wie wir mit ihm umgehen. Die Meere dieser Welt sind globales Gemeingut. Wir tragen alle eine Verantwortung dafür.
Und darum müssen wir auch die Auswirkungen unseres Handelns – und des Handels – mitbetrachten, wenn wir nach einem gemeinsamen Wertekanon agieren wollen:
Für die maritime Wirtschaft bedeutet das, den Schutz mariner Biodiversität nicht als Nebenziel zu sehen, sondern als Voraussetzung wirtschaftlicher Nutzung anzuerkennen.
Bildnachweis:
Waterkant Futures Thinking Lab,
C. Felber: S. Küper & Waterkant Futures Thinking Lab
Waterkant Festival





Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!