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Die Alkor

Im April 2022 hatte ich die Gelegenheit 10 Tage auf dem Forschungsschiff Alkor zu verbringen. Unsere Expedition führte dabei durch die westliche Ostsee und in das Bornholmbecken. Meine Eindrücke von dieser Reise beschreibe ich in diesem Blogbeitrag.

Inhaltsverzeichnis

  • Die Vorbereitung
  • Die Arbeit an Bord
  • Der Dorsch wird immer kleiner
  • Das Leben an Bord

Die Vorbereitung

Forschungsschiffe gehören für mich als Biotechnologe nicht wirklich zu meinem Alltag. Zwar habe ich mich schon immer für das Meer und dessen Artenvielfalt interessiert, aber mit der grundlegenden Meeresforschung, wie sie an Bord dieser Schiffe praktiziert wird, habe ich bisher nur wenige Berührungspunkte gehabt. Dennoch fand ich den Gedanken, mal auf eine Schiffsexpedition mitzukommen, immer sehr faszinierend, so dass ich mich im Frühjahr 2018 nach meiner Bachelorarbeit am GEOMAR in einen E-Mail-Verteiler für Ausfahrtinteressierte setzen ließ und mich Jahr für Jahr wieder um einen Platz bewarb. Wie mir mein Fahrtleiter später mitteilte, war ihm mein Name dank meines Durchhaltevermögens schon in Erinnerung geblieben. Oft war ich auf den Wartelisten nur knapp hinter den „Ausgewählten“. In diesem Jahr hat es dann endlich geklappt!

Die Arbeit an Bord

Die Arbeit auf dem Schiff war sehr vielseitig, vor allem, weil eine ganze Reihe von verschiedenen Forschungsthemen für verschiedenste Arbeitsgruppen und Datenreihen bearbeitet wurden. Dazu gehört bspw. die seit 1997 erhobene „Baltic Sea Integrative Long-term Data Series“ der Abteilung Marine Evolutionsökologie des GEOMARs, welche im Rahmen dieser Ausfahrt um ein weiteres Jahr verlängert wurde. Das übergeordnete Ziel besteht darin, langfristige Veränderungen im Ostseesystem vor dem Hintergrund des Klimawandels und der menschlichen Nutzung besser zu verstehen. Gearbeitet wurde oft in Schichten, so dass 24 h am Tag Stationen abgefahren und Proben gesammelt werden konnten.

Wir arbeiteten den Großteil der Fahrt mit dem sog. „Bongo“-Netz, das verschieden große Maschenweiten aufweist und sich daher gut zum Sammeln von Zooplankton und kleinen Fisch- und Quallenlarven unterschiedlicher Größe eignet. Der Ablauf des Samplings ist immer gleich: Das Netz wird durch die Wassersäule geschleppt und auf dem Weg zur Wunschtiefe und zurück mit Wasser durchströmt. Die umherschwebenden Partikel in der Wassersäule werden dann – je nach Maschenweite – in den Netzen gefangen. Die Proben wurden dann nach dem Hol noch einmal durch die entsprechenden Maschenweiten gefiltert und in Kautex-Flaschen gespült. Diese Handgriffe wurden bald zur Routine, was leider auch mal dazu führte, dass die kostbare Probe neben den Probenbehälter direkt wieder in die Ostsee gespült wurde und der Hol wiederholt werden durfte (upsi…). Proben aus der Maschenweite von 500 µm wurden dann wiederum unter der Stereolupe untersucht und durchsortiert. Wie viele Dorsch- und andere Fischlarven wurden an der Station gefunden? Welche Quellenarten sind dort vorhanden und wie groß sind sie?

Ein Wasserschöpfer (links), die CTD-Sonde zur Messung von Leitfähigkeit, Temperatur und Tiefe (mitte hinten) und das Bongo-Netz (unten rechts). Die Geräte werden über eine Kranvorrichtung neben dem Schiff auf die richtige Tiefe gebracht.
Ein Wasserschöpfer (links), die CTD-Sonde zur Messung von Leitfähigkeit, Temperatur und Tiefe (mitte hinten) und das Bongo-Netz (unten rechts).
Das Bongo Netz
Das Bongo-Netz: Wasser durchströmt das Netz und spült die Probe je nach Maschenweite in die „Socken“.
Das Bongo-Netz im Einsatz
Das Bongo-Netz im Einsatz
Arbeiten an der Stereolupe. Hier zu sehen: Eine Seeskorpion-Larve.
Arbeiten an der Stereolupe. Hier zu sehen: Eine Seeskorpion-Larve.

An den beiden letzten Tagen der Reise wurde dann mit einem pelagischen Schleppnetz, genannt Jungfischnetz, getrawlt, um die Fischbestände untersuchen und überwachen zu können. Insgesamt wurden 205 Dorsche nach allen Regeln der Kunst ausgenommen, vermessen und für die Altersbestimmung und Genetik beprobt. Dazu kamen 5 Längenmessreihen von je 200 Sprotten und 3 Längenmessreihen von 200 Heringen sowie die Beprobung ihrer Mägen für Mageninhaltsanalysen.

Bei der Verarbeitung der Fischereiproben wird jede Hand gebraucht.

Bei der Verarbeitung der Fischereiproben wird jede Hand gebraucht.

Der Dorsch wird immer kleiner

Darüber, dass der Dorsch in der Ostsee massiv gefährdet ist, haben wir schon im Oceanblog berichtet. Mir war allerdings zu Beginn der Reise nicht klar, dass nicht nur die Bestände, sondern auch die Individuen immer kleiner werden. Die Gründe hierfür sind komplex und könnten sowohl mit Veränderungen der Umweltbedingungen als auch mit einer Größenselektion durch die Fischerei zusammenhängen. So hat die Zunahme der Sauerstoffminimumzonen in der Ostsee zu einem Rückgang der Bodenlebewesen geführt, die wiederum eine wichtige Nahrungsquelle für die Dorsche sind. Deren Mangel kann deshalb zu einem schlechten Ernährungszustand und somit verringertem Wachstum führen. Zugleich werden verbleibende große und schnell wachsende Dorsche häufiger weggefischt, kleine und langsam wachsende Exemplare hingegen gleiten durch die Netze. Auf diese Weise können sich die größeren und schneller wachsenden Exemplare weniger stark fortpflanzen als die kleineren Exemplare. Das Merkmal, klein zu sein, ist also plötzlich ein evolutionärer Vorteil geworden, wird deshalb an die nächste Fischgeneration weitergetragen und setzt sich langsam, aber stetig durch. Unser größter Dorsch war übrigens nur 50 cm groß. In den 80er und 90er Jahren waren ins unserem Fischereigebiet der östlichen Ostsee noch Exemplare von über einem Meter Länge keine Seltenheit.

Das Leben an Bord

Das Leben an Bord eines Forschungsschiffes ist definitiv anders als an Land. Die wohl größte Veränderung ist, dass auf dem Schiff wirklich rund um die Uhr gearbeitet wird und zu keiner Zeit Ruhe einkehrt. Dazu kommen die eigenen Nachtschichten, die den Biorhythmus ordentlich durcheinanderbringen. Das Feierabendbier bei Sonnenaufgang, die Runde Dart oder das improvisierte Tischtennis-Match am Abend müssen natürlich trotzdem sein. Schlaf ist auf solchen Ausfahrten also definitiv ein knappes und wertvolles Gut. Außerdem lebt man auf dem Schiff ohnehin in einer „Blase“. Zwar gibt es eine funktionierende Internetverbindung an Bord, wirklich Relevanz haben die Informationen von außen auf dem Schiff aber nicht. Einigen Mitfahrenden machte an manchen Tagen auch der Wellengang zu schaffen, insbesondere wenn die hin- und herschwappende Probe durch die Stereolupe ausgewertet werden musste. Ich persönlich fand das Schaukeln gar nicht schlimm, sondern sogar ganz angenehm. Gelobt werden muss auch unbedingt das Essen an Board, welches täglich von unserem Koch Thomas zubereitet wurde: 2 warme Mahlzeiten am Tag, dazu ein üppiges Frühstück und Kuchen am Nachmittag. Dass die Küche immer offenstand, war natürlich auch nachts ein absoluter Segen. So konnte man auch mal auf einen kleinen Mitternachtssnack zurückgreifen und das Frühstück dafür ausfallen lassen.

Sonnenaufgang auf der Alkor

Sonnenaufgang auf der Alkor

Insgesamt blicke ich auf eine sehr lustige, lehrreiche und anstrengende Reise zurück, die ich immer gerne wieder antreten würde!

Referenzen & weiterführende Links:
Fotos: Timo Jensen und Jan Dierking
Oceanblog Artikel: Die Fragilität der Meere erklärt am Beispiel der Dorsche
Studie: Längenveränderung des Ostsee-Dorsches (Svedäng & Hornborg, 2016) (PDF)
Weitere Berichte zu Alkor-Ausfahrten und der Zeitserie in der Ostsee

  • Über die Autorin | Über den Autor
  • Letzte Beiträge
Timo Jensen

Moin, mein Name ist Timo Jensen und ich kümmere mich bei oceanBASIS um verschiedenste Forschungsprojekte und die Produktentwicklung. Als Biotechnologe hat es mich schon immer fasziniert, dass die Natur so viele und oftmals passgenaue Werkzeuge für uns bereithält, die zur Lösung verschiedenster Probleme notwendig sind – sei es in der Umwelt, Kosmetik oder Medizin. Ich freue mich deshalb besonders darauf, bei oceanBASIS zur nachhaltigen Erschließung dieser Schätze beitragen zu können und werde im Oceanblog hin und wieder darüber berichten.

  • Aus der Produktentwicklung: Das Kopfhautserum
  • Das Leuchten des Meeres II: Biofluoreszenz
  • Korallenbleichen - ein Ökosystem vor dem Kollaps
  • Unterwegs auf dem Forschungsschiff Alkor
  • Das Leuchten des Meeres: Biolumineszenz

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